Deutsche Parlamentarier wollen Überraschungsei verbieten

A note to non-German-speaking readers of this blog: This post is about political developments in Germany, which concern a much-cherished childhood toy (plus chocolate), the Überraschungsei (or shorter Ü-Ei, a chocolate egg which contains a toy within a plastic capsule). A small sub-committee of the German parliament has decided to call for a ban on these Ü-Eier, in order to protect children from the dangers this gimmick poses (the logic is that the toy is within a chocolate casing, and therefore children could be asked too much to discern between edible and non-edible parts). The only effect of such a ban would be that the protected children start hating politicians. Perhaps this is an insidious plan to prepare the downfall of democracy by instilling hatred of parliament and politics into the young, but given the mental capacity of our representatives, I doubt it.

Anyway, as this is concerned with German politics only, I’ll take the freedom to vent my anger in German this one time.

Als erstes muss man sich vor Augen halten, dass wir uns mitten im Sommerloch befinden. Die Presseerklärung, auf der alle Aufregung beruht, stammt vom 1. August, während die ersten Meldungen in den Medien gestern abend begannen (also fünf Tage später). Ich vermute, die dpa hat gestern abend die Meldung verbreitet. Es handelt sich wohl um einen Publicity-Stunt von fünf aufmerksamkeitssüchtigen Parlamentarierinnen, die endlich auch einmal in der Zeitung stehen wollen. Die Forderung nach dem Verbot der Ü-Eier ist ein Garant für Aufregung. Normalerweise könnte man das Theater also verächtlich abtun, wenn nicht die enorme Gefahr bestünde, dass die Forderung ein Eigenleben entwickelt und tatsächlich eines Tages umgesetzt würde. Schon viele blödsinnige Verbote wurden durchgesetzt (man denke nur an das Verbot von Blei in Lötzinn, das mit Sicherheit noch Menschenleben fordern wird, aber mit Sicherheit keins rettet).

Auf jeden Fall hat die Meldung für einige Aufregung gesorgt. Einige im Internet publizierte Zeitungen/Zeitschriften bieten ihren Lesern eine Kommentarfunktion; die Kommentare zeigen den Zustand der Volksseele, und ich sage: Sie kocht. Viele heute Erwachsene haben in ihrer Kindheit große Freude am Ü-Ei gehabt, und dass dieses Spielzeug verboten werden soll, erfüllt sie mit Zorn. Und ich möchte verkünden, dass auch ich in meiner Kindheit große Freude am Ü-Ei hatte, und dass publicity-süchtige Parlamentarierinnen dies verbieten wollen, erfüllt auch mich mit Zorn.

Es passt übrigens ins Schema, den Menschen in diesem Land alles zu verbieten, was Spaß macht. Ich gewinne langsam den Eindruck, das Ganze ist Teil eines Projektes zur Gedankenkontrolle – aber man soll nichts auf Böswilligkeit schieben, was auch mit Dummheit erklärt werden kann.

Nun, was genau ist eigentlich passiert? Der Deutsche Bundestag verfügt über eine sogenannte Kinderkommission (genauer: Kommission zur Wahrnehmung der Belange der Kinder), noch kürzer KiKo (ähnlich zu KiKa, aber bei weitem nicht so lustig); diese ist ein Unterausschuss des Ausschusses für Familie, Senioren, Frauen und Jugend. Ist es nicht schön, wie wunderbar der Bundestag organisiert ist? Ich fühle mich an meinen alten Arbeitgeber erinnert, die Kölner Universität. Mitglieder der KiKo sind fünf Mütter:

  • Diana Golze (Linke), Diplom-Sozialpädagogin, Mutter einer Tochter; sie ist die Vorsitzende der KiKo laut Bundestagswebsite
  • Ekin Deligöz (Grüne), Diplomverwaltungswissenschaftlerin, Mutter zweier Kinder
  • Michaela Noll (CDU), Rechtsanwältin, Mutter einer unspezifizierten Anzahl von Kindern
  • Marlene Rupprecht (SPD), Lehrerin, Mutter einer Tochter
  • Miriam Gruß (FDP), Diplom-Politologin und politikwissenschaftliche Doktorandin (es gibt also auch Prokrastinatoren im Bundestag), Mutter eines Sohnes; sie ist die Vorsitzende der KiKo laut der offiziellen Stellungnahme zum Thema Kinder und Alltag (gleiche PDF-Datei wie weiter unten)

Ignorieren wir einfach, dass Bundestagswebsite und schriftliche Stellungnahme sich darin wiedersprechen, wer denn nun Vorsitzende der KiKo ist. Für die Kommission gibt es fünf Stellvertreter, davon drei Männer, wobei alle mit einer Ausnahme Kinder haben (die Ausnahme lebt in einer gleichgeschlechtliche Lebensgemeinschaft, wie die Bundestagwebsite es formuliert).

Nun würde man eigentlich meinen, dass es eine gute Idee ist, eine Kinderkommission mit Müttern zu besetzen, da diese über Erfahrungen aus erster Hand verfügen. Ich halte dieses Argument nicht für stichhaltig (zumal die logische Konsequenz ist, dass die Kommission eigentlich mit Kindern besetzt werden müsste; dann würden mit Sicherheit keine Ü-Eier verboten). Das Problem mit Müttern ist, dass sie sich für Experten halten, obwohl sie keine sind; ihre Erfahrung ist eng umgrenzt (mit ihren eigenen Kindern in ihrer eigenen Lebenswelt) und unsystematisch; ferner reagieren Mütter übermäßig beschützend und allgemein irrational, wenn es um ihre eigenen Kinder (und in Fortsetzung um alle Kinder) geht. Deshalb wäre es vernünftig, die KiKo mit Abgeordneten zu besetzen, die keine Kinder haben, da diese weniger voreingenommen sind.

Die Tatsache, dass die KiKo mit Müttern besetzt ist, ist eine Erklärung für die lächerliche Empfehlung, Ü-Eier zu verbieten. Vielleicht sind die Mütter nur das Gequengel ihrer Kinder an der Supermarktkasse satt, wenn es an der Süßwarenauslage vorbeigeht?

Die Empfehlungen der Kommission finden sich in einer Presseerklärung (PDF) und in einer Stellungnahme (PDF). Die Presseerklärung der Kommission enthält nur die Forderungen, während die Stellungnahme eine Pseudo-Begründung enthält, die aus einer Aneinanderreihung von Statistiken besteht, wobei diese mit einer Ausnahme (Fahrradhelme) in keinem direkten Zusammenhang mit den Forderungen stehen, und sonst nur aus Gemeinplätzen besteht.

Zum Ü-Ei, dem Ei, nein, Stein des Anstoßes: Die KiKo fordert wörtlich Keine Koppelung von Nahrungsmitteln und Spielzeug. Die Begründung lautet Besonderes Gefahrenpotential birgt die Kombination aus Spielzeug, Haushaltsartikeln und Nahrungsmitteln, da Kindern dadurch die Unterscheidung zwischen essbaren und nichtessbaren Teilen erschwert wird und stammt von verschiedenen Experten, die die KiKo zu einer Anhörung eingeladen hat. Vor der Begründung stehen einige Statistiken, die aber in keinem Zusammenhang zur Kombination Lebensmittel plus Spielzeug stehen! Es wird keine Statistik aufgeführt und keine Untersuchung genannt, die nachweist, dass tatsächlich schon mal Kinder durch die Kombination Lebensmittel plus Spielzeug zu Schaden gekommen sind. Die Statistiken davor sind Augenwischerei, die den Mangel an Belegen kaschieren sollen.

Die Pressesprecherin von Ferrero (dem Hersteller des Ü-Eis), Elise Glaab, betont denn auch (ich habe die Ursprungsquelle nicht finden können und zitiere aus den Medienberichten): Es gibt keinerlei Beweise dafür, dass durch die Kombination von Spielzeug und Lebensmittel eine erhöhte Gefahr ausgeht. Bei der Kinderüberraschung wird das Spielzeug durch eine Kapsel von der Schokolade getrennt. Ferner sehe die EU-Spielzeugsicherheitsrichtlinie Nr. 378 aus dem Jahr 1988 keinerlei Verbot von Kombinationsprodukten vor. Extern zertifizierte Institute hätten das Ü-Ei zudem geprüft und für ungefährlich befunden. Und sie schließt mit: Das Überraschungsei ist ein sicheres Produkt. Und ich gebe ihr Recht; der Gedanke, dass man die gelbe Kapsel mit einer Süßigkeit verwechseln könnte, ist schon arg weltfremd. Zumal Kinder ja gerade scharf auf das Spielzeug sind. Und wenn die fünf Mütter der KiKo als Experten durchgehen, so poche ich auf meinen Expertenstatus: Jahrelange Experimente mit Ü-Eiern während meiner Kindheit haben keinerlei Gefährdungspotential aufgezeigt; auch in meinem Bekanntenkreis ist es zu keinen Unfällen gekommen.

Auch einige andere Forderungen der KiKo finde ich seltsam: der Forderung nach einer Fahrradhelmpflicht widersetze ich mich aus ideologischen Gründen (wäre ich als Kind gezwungen worden, so hätte ich mit dem Fahrradfahren einfach ganz aufgehört), wäre aber bereit, diese zu akzeptieren, solange sie nicht auf Erwachsene ausgedehnt wird (inzwischen möchte ich mit dem Fahrradfahren nicht mehr aufhören). Die einzige relevante Statistik, die die KiKo dazu aufführt (45% weniger Kopfverletzungen in fünf kanadischen Bundesländern [liebe KiKo: die heißen dort Provinzen und Territorien, Kanada ist nicht Deutschland]), finde ich verdächtig. Isoliert aufgeführte (und mit zweifelhaften Methoden erstellte) Statistiken werden viel zu häufig von Gesetzgebern missbraucht, um politische Entscheidungen nachträglich zu rechtfertigen, in der Hinsicht ist Kanada nicht anders als Deutschland. Außerdem: was ist mit den Erfahrungen in Kalifornien? Und warum wird die Statistik nicht anständig zitiert, wo doch alle fünf Mitglieder der Kommission studiert haben?

Dann ist da noch die Forderung nach leichteren Schulbüchern durch leichteres Papier und Paperback statt Hardcover. Vielleicht hätte die KiKo mal einen Bibliothekar zur Anhörung laden sollen; nicht ohne Grund lassen Bibliotheken Paperbacks bei Eingang als Hardcover neu binden. Wer weiß, wie Kinder mit Schulbüchern umgehen, wird Zweifel haben, ob ein Paperback ein ganzes Schuljahr durchhält. Auch leichteres Papier erhöht nicht die Haltbarkeit.

Kinder sollen einen Teil der Lehrmaterialen [sic!] (Bücher, Malkasten, Zeichenmaterial, Sportschuhe) in der Schule deponieren können – ich vermute, damit sind Schließfächer gemeint? Dagegen habe ich nichts, zumal man die wunderbar in Schulstreiche integrieren kann. Ich gebe aber zu bedenken, dass ein Buch oder ein Malkasten, das/der in der Schule verbleibt, nicht zu Hause genutzt werden kann. Ob sich das mit Hausaufgaben verträgt? Oder sollen die auch abgeschafft werden, da sie eine unzumutbare Belastung der Schüler darstellen?

Fassen wir also zusammen: Fünf Mütter haben sich zusammengetan, um zweifelhafte Forderungen auf der Basis zweifelhafter Begründungen zu erheben, die angeblich die Sicherheit von Kindern erhöhen sollen, aber mit Sicherheit dazu führen werden, dass Kinder in Zukunft weniger Spaß haben. Das wäre nicht so schlimm, wenn nicht:

  • die fünf Mütter Mitglieder des Bundestages wären,
  • sie außerdem eine offizielle Kommission des Bundestages bilden würden,
  • solche Kommissionen die Eigenart hätten, anderen Bundestagsabgeordneten Beschlussfassungen unterzujubeln, die diese nicht lesen, aber darüber abstimmen,
  • der Bundestag dafür bekannt wäre, unsinnige Gesetze auf Basis unsinniger Begründungen zu erlassen.

Ich hoffe, dass das ganze nur eine Posse im Sommerloch bleibt, doch ich fürchte, der Unsinn könnte Eigendynamik entwickeln. Deshalb: Kämpft für das Überraschungsei! Es ist zum Symbol unserer Freiheit geworden!

Und ich mache mich gleich auf den Weg, mir das erste mal seit Jahren wieder ein Ü-Ei zu kaufen.

About Daniel Tiggemann

Software-developer living in Cologne, Germany. Was once a physicist, specialized in computer simulations and parallel programming. Now more into JavaScript, web frontend development, and especially mobile computing.
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